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Papa

Mein Schwiegervater war 1942 schwer verwundet ohne seinen linken

Arm und mit durchschossener rechter Hand aus Stalingrad zurückgekommen. Dadurch waren ihm alle Träume genommen worden. Seinen Beruf als Metzgermeister hatte er nicht mehr ausüben können. Wie auch? Mit nur noch einer übrig gebliebenen dazu kaputten Hand hätte er weder Schweinehälften zerteilen noch am Kutter das Fleisch verwursten können.

Depressionen, ein langer Lazarettaufenthalt und Arbeitslosigkeit waren die Folge seiner achtzigprozentigen Kriegsverletzungen. Trotz aller Widrigkeiten hatten meine Schwiegereltern im Januar 1943 geheiratet. 1945 wurde Sohn Karl geboren, 1947 Tochter Lena.

In der Zeit zwischen den beiden Geburten bekam mein Schwiegervater endlich als kriegsversehrter Soldat bei der städtischen Verwaltung in der Postverteilungsstelle eine Arbeit. Obwohl er froh war, wieder arbeiten zu können, war der Lohn recht kläglich und meine Schwiegermutter musste trotz der Kinder mitarbeiten, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Aber seinen größten Traum hatte mein Schwiegervater nie aufgegeben: ein eigenes Haus, in dem er mit seiner Familie leben wollte. Mit der Zeit wurde seine Arbeit besser bezahlt und sein Lebenshunger stieg. Als sich dann die Möglichkeit bot, die Kriegsrente auszahlen zu lassen, ergriff er diese Chance. Damit hatte er den Grundstein für seinen Traum gelegt. Ende 1951 wurde mit dem Bau des Hauses auf dem Wendelsweg begonnen. Trotz seiner schweren Verletzungen hat mein Schwiegervater in jeder freien Minute im Rahmen seiner Möglichkeiten beim Bau mitgeholfen. Aus Kostengründen wurden Trümmersteine gekauft. Bevor mit dem Bau des Kellers begonnen werden konnte, mussten diese Steine alle erst abgeklopft werden.   Im August 1952 war das Haus so gut wie fertiggestellt. Die Familie war noch ohne Fußbodenbelag ins eigene Heim gezogen. Trotz aller Schwere und Entbehrungen während dieser Zeit, oder gerade deshalb, war dieses Haus für meinen Schwiegervater sein größter Stolz.

Papa war ein großer Familienmensch, was ich noch lange Jahre an der Seite meines Mannes erlebt habe. Bei einem gemeinsamen Urlaub 1972 in Spanien konnte er sein Glück kaum fassen, als er erfuhr, dass er Großvater werden sollte. Vor Freude und zur Belohnung hatte er uns alle während dieses Urlaubs zu einem gemeinsamen Abendessen am Strand eingeladen.

Nach einer leckeren Paella und reichlich rotem Wein legte er uns ans Herz, dass es sein größter Wunsch sei, das Elternhaus immer in der Familie zu halten. Darin sollten seine Enkelkinder später wohnen.

Karl, Lena, Gregor und ich schworen es ihm hoch und heilig. Hatte er gefühlt, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, als er uns dieses Ehrenwort abnahm?    Nutzte er deshalb das traute Familienessen, um uns bei Paella und Rotwein diesen Schwur abzunehmen? Es musste so gewesen sein. Er verstarb für uns alle unfassbar drei Tage später im Mai 1972 in einer Klinik in Tarragona. Für uns war sein Tod ein Desaster. Am Tag seiner Beerdigung schworen wir uns noch einmal, seinen letzten Wunsch niemals zu brechen.

 

 

Gregor und ich

Mit Beginn unserer Selbstständigkeit mussten Karl und ich viele dieser Freizeitvergnügungen einschränken. Das gefiel nicht allen Freunden. Es gab auch Neider. Verständnis für unsere Situation brachte nur unsere Familie auf.  Der Ausbau unserer Firma nahm uns sehr in Anspruch und ließ in den ersten drei Jahren keinen Urlaub zu. Als wir endlich unseren ersten Urlaub planen konnten, stellte sich die Frage, wer während dieser Zeit das Geld aus den einzelnen Filialen holt, wer die Kassenabrechnung macht und wer die Einnahmen zur Bank bringt?  Gregor bot sofort seine Hilfe an. Er fuhr während  unseres Urlaubs abends die Filialen ab, um die Tageseinnahmen abzuholen. Darüber hinaus machte er die gesamte Kassenabrechnung und brachte am nächsten Morgen das Geld zur Bank. Gregor war für uns der vertrauenswürdigste, anständigste und ehrlichste Mensch, den wir uns denken konnten. Auch unsere Kinder waren von ihrem Onkel Gregor immer angetan. Sie fühlten sich bei Onkel und Tante wie zu Hause. Ich hatte das Gefühl, dass Gregor, der mit Lena leider keine eigenen Kinder hatte, unsere als seine Ersatzkinder ansah. Während einer Fahrt nach Norddeich, wo wir kurz zuvor eine Ferienwohnung gekauft hatten, war Gregor mein Begleiter. Ich wollte dort alles vorbereiten und fertigmachen, damit wir unseren ersten Urlaub in der Wohnung verbringen konnten. Eigentlich sollte Lena mit mir fahren, weil Karl nicht konnte. Doch kurz bevor wir aufbrechen wollten, rief Lena an. »Macht es dir etwas aus, wenn Gregor an meiner Stelle mitfährt. Mir ist leider ein wichtiger Termin dazwischengekommen?«

»Nein, das macht mir nichts aus. Bewältigt Gregor denn den ganzen Tag?«, wollte ich wissen, da er gerade den ersten Bypass bekommen hatte und noch krankgeschrieben war. »Da brauchst du dir keine Sorgen machen, Gregor ist wieder fit, zu fit! Außerdem freut er sich, mal wieder rauszukommen.« »Okay, dann bin ich in ungefähr einer Stunde bei euch und hole ihn ab. Sag ihm, dass ich mich freue, dass er mit mir fahren will.« Gregor war am Ende die bessere Wahl. Sonst hätte ich für einige Aufgaben sicher einen Handwerker bestellen müssen. Während ich alles putzte, brachte Gregor die Gardinenleisten an und hängte die mitgebrachten Gardinen und Bilder auf. Zum Schluss reparierte er den Schaden am Balkon der Wohnung.  Auf der Rückfahrt stellten wir fest, dass wir nichts gegessen und getrunken hatten. Also hielten wir an der nächsten Autobahnraststätte. Dort schlugen wir uns erst mal den Bauch voll. Weil Gregor damals seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer in Flensburg liegen hatte, musste ich fahren und er konnte unbesorgt einige Bierchen trinken. »Wir beide waren heute den ganzen Tag allein. Was hätten wir alles anstellen können?«, sagte er, als wir wieder auf der Autobahn waren. »Wann kriegen wir so eine Gelegenheit noch mal? Vielleicht müssen wir das demnächst, wenn Lena wieder mal nicht zu Hause ist, nachholen. Wir zwei, das wär doch was. Meinst du nicht auch?«

Ich wusste erst gar nicht, was ich darauf antworten sollte. »Gregor, du weißt, wie sehr ich dich mag«, sagte ich schließlich, »aber stell dir vor, welches Chaos das gäbe, wenn wir das, was du möchtest, in die Tat umsetzen würden. Lass uns weiter so gute Freunde sein, wie wir es immer waren. Das möchte ich nicht verlieren.« »Du hast ja recht, aber trotzdem ist der Gedanke sehr verführerisch«, antwortete er sehr zerknirscht. In all den Jahren habe ich oft und gerne mit Gregor geflirtet, genau wie er mit mir. Wir verstanden uns blendend. Gregor war außerdem ein super Tänzer. Er tanzte so gerne wie ich. Das haben wir oft und ausgiebig genossen. Seine Lena war derselbe Tanzmuffel wie ihr Bruder. Ohne meinen Schwager hätte ich auf so manchen Tanz verzichten müssen. Es war schön, wenn Gregor mich beim Blues ganz nah an sich zog, aber noch schöner war, mit ihm bei den Klängen eines Buggys über die Tanzfläche zu wirbeln. Unterm Strich hatten Gregor und ich immer eine besondere Verbindung zueinander. Wir mochten uns sehr, er mich sicher etwas mehr, als es hätte sein sollen. Dennoch ist keiner von uns dem anderen jemals zu nahegetreten, auch wenn es manchmal zwischen uns geknistert hat. Wenn er mit mir flirtete, wusste ich, dass er einiges getrunken hatte. Im nüchternen Zustand zeigte er selten diesen Mut. Ich habe oft gedacht, Gregor hätte eine leidenschaftlichere, anschmiegsamere Frau verdient. Lena hatte sich mit den Jahren verändert. Sie war nicht mehr locker und aufgeschlossen. Sie wirkte prüde, manchmal sogar Gregor gegenüber abweisend. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass Gregor seine Frau geliebt hat. Aber ob seine Liebe von ihr erwidert wurde, daran hatte er wohl starke Zweifel. Ich glaube sogar, dass sein Alkoholkonsum höher wurde, nachdem ihm das aufgefallen war. Nachdem Lena ihr gemeinsames Kind im dritten Monat verloren hatte, ging die Ehe mehr und mehr in die Brüche. Vielleicht waren die dreißig Aufbauspritzen schuld, die Lena sich in einer gemeinsamen Kur mit ihrer Arbeitskollegin Margot hatte spritzen lassen, dass sie das Kind verlor. Es wurde nie herausgefunden, aber wahrscheinlich auch nie untersucht. Keiner konnte so viel Unvernunft verstehen. Das war wohl auch einer der Gründe, warum Gregor davon träumte, mit mir zusammen zu sein.